Zwischenwelten von Jasmin Brückner

„Bitte warte noch kurz, denn vielleicht sind das hier Senfkornzeiten!“

 

Mit ihrer Wortkunst hat uns Jasmin Brückner begeistert. Mit Zwischenwelten//Senfkornzeiten schrieb sie einen Text über Zeiten des Dazwischen-Stehens, die sowohl schön als auch anstrengend, vor allem Orientierungslosigkeit hinterlassen.

 

Jasmin erlebte so eine Zeit während ihres vierjährigen Studiums der Internationalen Sozialen Arbeit in Ludwigsburg. Schon mit dem Umzug aus Zwickau an ihren neuen Lebensmittelpunkt veränderte sich ihr Umfeld, sie lernte „einen Haufen kreativer Leute“ kennen, durch die sie, ermutigt und angespornt, anfing ihre Kreativität zu entdecken und aufs Papier zu bringen. Durch zwei verpflichtende Auslandssemester war Jasmin gezwungen in fremde Lebenswelten einzutauchen und sich mit diversen Perspektiven und Weltanschauungen auseinanderzusetzen.
Irgendwann kam der Punkt, an dem ich das Gefühl hatte, irgendwie zwischen Allem zu stehen – sowohl orts-als auch meinungstechnisch. Nirgendwo wirklich dazuzugehören, nicht mehr zu wissen, was ich eigentlich selbst denke und glaube und bin und auch, was ich eigentlich über Gott denke, von dem ich doch immer so viel für mein Leben erwartet und eigentlich auch schon erlebt hatte.

 

Aus dieser Situation heraus entstand Zwischenwelten//Senfkornzeiten als Motivation an Alle die, die grade genau in solchen Zeiten im Dazwischen stecken und Das-wird-schon-wieder-Sätze nicht mehr ertragen können.
Ich wünsch mir, dass er Menschen Mut macht, diese Zeiten im Dazwischen […] anzunehmen, auszuhalten und trotzdem zu wissen, dass das auch nicht immer so bleiben wird. Und dass Gott da genauso mit durchläuft, auch wenn man das in der Situation überhaupt nicht so glaubt.

 

Zwischenwelten // Senfkornzeiten © Jasmin Brückner

 

Da stehst du also. Stehst in der Leere deines Seins. Du stehst und stehst und wie es scheint bewegt sich nichts. Belebt sich nichts, in deinem Brustkorb hebt sich nichts, ahnungslos. Gefühlsstillstand. So stehst du da. Als ob Leere schon immer ein Teil von dir war. Und du stehst so eingezwängt. Zwischen allen Welten – wie abgestellt, wie deplatziert, mit nichts mehr was dich hält, und du fragst dich, was die Welt – vor allem deine eigene – im Innersten zusammenhält.

 

Denn jetzt sitzen dicke Zweifel da, wo früher mal Gewissheit war. Wo einst Klarheit und Wissen gemeinsam Pläne schmiedeten, wo Glaube und Zuversicht Hoffnung ausbrüteten zogen irgendwann dicke Nebelschwaden auf und deine Welt versank im Grau.

 

Während du so da stehst in deiner Zwischenwelt, ziehen alle anderen so vorbei. Ziehen Kreise im altbekannten Stil, und gleichzeitig hat scheinbar jeder ein Ziel. Jeder weiß, was und wohin er will, scheint fest verankert im Leben zu stehen – nur du nicht. Denn im Gegensatz zu allen anderen bist du eben nur Gast. Mal wieder nur auf der Durchreise. Du bist ins Vakuum gepresst und steckst in dem „Dazwischen“ fest und Zukunft, Zukunft siehst du nicht, denn da sind nur große, schwarze, alles verschlingende Löcher.

 

Die Welten der anderen sind dir plötzlich so fremd. Warst du einst auch Teil von ihnen, erkennst du sie heute nicht wieder und so setzte sich im Lauf der Zeit ein Grundgeschmack von Bitterkeit auf deiner Zunge nieder. Begleitet von glühender Wut. In deinem Bauch. Also richtest du den Blick nach unten, machst Schotten dicht. Setzt alles auf Abwehr. Schritt zurück. Mauer bauen. Maske richten. Augen schließen. Türen verdichten. Gesicht bewahren. Schaden begrenzen. Hoffen, dass bald all das endet. Weiterkämpfen. Weitermachen. Ungeduldig weiter warten. Hufe scharren. Vorwärts drängen. Nur weiter in die Leere rennen.
Dann stehst du da weiter. In der Leere deines Seins. Verzweifelst und stehst und schreist und weinst und würdest all das gern vermeiden.

 

Doch ich sage „Bitte warte noch kurz, denn vielleicht sind das hier Senfkornzeiten.“

 

Man sagt, ein Senfkorn sei wirklich klein für einen Samen, aus dem verhältnismäßig echt große Dinge wachsen. Der, fängt er einmal an Wurzeln zu schlagen, nicht so einfach auszulöschen ist und sich rasant ausbreitet. Und man sagt, Glaube so klein wie ein Senfkorn würde reichen. Würde reichen, um Großes wachsen zu lassen und würde reichen, um mal Berge zu versetzen.

 

Und wenn von dir gerade nicht mehr viel ist, du in deinem ganzen Ich nur mit Leere gefüllt bist, dann sei dir trotz allem gewiss, dass irgendwo in dir noch ein Senfkorn voll von Glaube ist. Verschlissen vielleicht, verstaubt und versteckt, von vielen Schichten aus Leere gut abgedeckt, in irgendeiner kleinen Ecke abgestellt. Aber trotzdem noch da. Unauslöschbar.

 

Und du sagst, du stehst zwischen allen Welten. Und dass du keinen Ort hast, um zu sein. Keine Welt mehr, die dir Zuhause scheint, keinen Hafen mehr für Sicherheit. Dass dir für immer nur diese Leere hier bleibt. Ich sage: das stimmt nicht ganz. Denn ja, da ist gerade nur diese Zwischenwelt. Und alles steht im Übergang. Ich sage trotzdem „Bitte schau nochmal hin“, denn ich sehe in all dem hier auch einen Neuanfang. Ich sehe brachliegenden Boden unter deinen Füßen. Unbebaut und ungepflügt.

 

Ich sehe, wenn ich in die Zukunft blicke, keine schwarzen Löcher, sondern weiße Seiten, die es zu füllen gilt. Und vielleicht hast du davon noch nie gehört, aber auf eines kannst du dich verlassen: In Zwischenwelten wachsen Dinge, die nirgendwo sonst wachsen. Also versuch‘ doch einfach kurz, dein letztes Senfkorn genau da, wo du stehst, einzupflanzen. Und glaub mir, daraus werden Früchte wachsen. Vielleicht nicht die, die du erwartest. Sondern Neues, Unbekanntes. Überraschendes, Ungeplantes. Und das ist ein Geschenk, auch wenn sich gerade alles anders anfühlt. Falls du das gerade nicht so siehst, sag ich dir trotzdem, dass Gott ‘nen Plan damit hat, und das meine ich nicht einfach nur so dahingesagt. Ich glaube, dass er ‘nen Rucksack voll mit seiner Güte in all dem hier für dich bereitgestellt hat, und dass du irgendwann wieder woanders stehen wirst. In der Fülle deines Seins. Dass alles sich nicht mehr so leer anfühlen wird, wie es gerade scheint, dass auch dieses Vakuum ein Ende hat, genauso wie Farblosigkeit, Wut im Bauch und Bittergeschmack

 

und dass Zwischenwelten und Senfkornzeiten wie diese hier die Möglichkeit auf einen Neubeginn markieren.
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